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Archäologische Untersuchungen und Ausgrabungen zur antiken Urbanität

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Ostia – Macellum

Große Teile von Ostia (antica), der Hafenstadt Roms an der Tibermündung, wurden in den späten 1930er Jahren in kurzer Zeit freigelegt und restauriert. Zu den Funden gehörte auch der unregelmäßige Grundriss eines Gebäudekomplexes nahe dem historischen Stadtkern, der bald als das Macellum (der Viktualienmarkt) der antiken Großstadt bezeichnet wurde.

Zweifel an dieser Benennung und der Funktion der Anlage führten zu mehreren Ausgrabungskampagnen in denen die Entwicklungsgeschichte des Grundstücks weitgehend geklärt werden konnte. Bis in die Frühzeit Ostias, das 3. Jh. v. Chr., reichen die Spuren einer ersten Nutzung, vielleicht eines kleinen Heiligtums. Spätestens ab der Mitte des 1. Jhs. v. Chr. wurde das Areal dann von komplexen Gebäudestrukturen aus Läden und Wohnungen überbaut, denen in der zweiten Hälfte des 1. Jhs. n. Chr. zwei voneinander unabhängige Anlagen (ein mehrgeschossiges Mietshaus und eine repräsentative Hofbebauung) folgten. Mit zahlreichen Erneuerungen und Veränderungen reicht der dabei entstandene Gebäudekomplex bis in die Spätzeit der Stadt (4. und 5. Jh. n.Chr.) und wurde dann – wie die ganze Stadt – allmählich aufgegeben.

Kein Macellum

Die Ausgrabungen erweisen, dass die Benennung als Macellum nicht zutreffen kann. Hofanlage und Mietshaus (sog. insula) bestanden unabhängig voneinander und entsprechen keineswegs den typischen Merkmalen eines öffentlichen Marktes. Das Grundstück belegt die für Ostia charakteristische Dynamik seiner Bebauung und deren fortwährende Anpassung an neue Bedürfnisse. In der Spätantike wurden sogar mehrere Räume mit Schmelzöfen zur Herstellung von Glas genutzt. Zum ersten Mal konnte dort eine solche Produktion in Ostia nachgewiesen werden. Zu den wesentlichen Ergebnissen unserer Arbeiten gehört auch eine kontinuierliche Stratigraphie über den gesamten Zeitraum der Benutzung des Grundstücks.

Nach den Ausgrabungen in den 30er Jahren wurden die antiken Reste nach den Vorstellungen der Ausgräber einer intensiven Überformung unterworfen, die weit über die üblichen Konservierungsarbeiten und Restaurierungen hinaus gingen und ein einheitliches Bild der Blütezeit der Stadt (des 2. Jhs. n. Chr.) erzeugen sollten. Diese in mancher Hinsicht ahistorische Sicht auf die Ruinenlandschaft prägt bis heute das Bild großer Teile Ostias und erschwert den Blick auf die jahrhundertelange Entwicklung einer komplexen urbanen Struktur.

Literatur

Kockel, Valentin – Ortisi, Salvatore, Ausgrabungen der Universität Augsburg im sog. Macellum von Ostia, Mededelingen van het Nederlands Instituut te Rome = Papers of the Dutch Institute in Rome 58 (1999), 22-26.

Kockel, Valentin – Ortisi, Salvatore, Ostia, sog. Macellum (VI 5,2). Vorbericht über die Ausgrabungen der Universität Augsburg 1997/98, Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Römische Abteilung 107 (2000), 351-363.

Rottloff, Andrea, Gläser und Reste von Glasverarbeitung aus Ostia, Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Römische Abteilung 107 (2000), 365-374.

Kockel, Valentin, Fragmente von Wandmalerei aus dem sogenannten Macellum in Ostia (IV 5,2) (mit einem Appendix zur Datierung von Salvatore Ortisi), in: Irene Bragantini (Hrsg.), Atti del X Congresso internazionale dell'AIPMA, Napoli 17-21 settembre 2001 (Napoli 2010), 481-487.

Kockel, Valentin, Fragmente marmorner Architekturverkleidungen aus dem sog. Macellum in Ostia (IV, V, 2), Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Römische Abteilung 120, 2014, 227-242.

Kockel, Valentin – Ortisi, Salvatore, Increases in levels and changes in use of the so-called Macellum in Ostia, in: F. van Haeperen – C. De Ruyt (Hrsg.), Ostia Antica. Nuovi studi e confronto delle ricerche nei quartieri occidentali (Brüssel-Rom 2017), 207-215. 

Weitere Informationen

Zum Projekt

Universität Augsburg

Projektleitung

Prof Dr. Valentin Kockel
Klassische Archäologie
Universität Augsburg
86135 Augsburg
E-Mail

Gemeinsam mit Prof. Dr. Salvatore Ortisi (München)

Förderung

Dieses Projekt wird gefördert von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und der Universität Augsburg.