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Archäologische Untersuchungen und Ausgrabungen zur antiken Urbanität

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Forschungen in Apollonia (Albanien)

Apollonia gehört zu den bedeutendsten antiken Städten an der Adria. Ihre verkehrsgeographisch hervorragende Lage begründete die Prosperität der Stadt, die sich in Schriftquellen ebenso fassen lässt, wie in den Monumenten und materiellen Hinterlassenschaften. Die archäologische Erforschung der Stadt begann bereits vor rund 100 Jahren. Zuletzt ist seit 1992 eine französisch-albanische Equipe mit der Erforschung von Teilen der Oberstadt beschäftigt, aus der der »Atlas d’Apollonia« von 2007 hervorging. Dieser enthält einen Plan des neu vermessenen Stadtgebietes und fasst die bisherigen Forschungen zusammen.

Deutsch-albanische Forschungen in Apollonia

Eine 2006 gegründete deutsch-albanische Kooperation, unter Leitung von Henner von Hesberg und Bashkim Lahi, konzentrierte sich auf die Erforschung des Theaters, das in den 60er Jahren freigelegt, aber nie abschließend publiziert worden war. Die Rekonstruktion und Geschichte dieses Baus stand im Zentrum der Forschungen, es ergaben sich aber darüber hinaus Fragen nach der Art der Stadtgründung und -erweiterung sowie nach den Einzel­monu­menten. Die Untersuchung einer Nachbar­siedlung bei Babunjë führt zur Erkenntnis, dass die Kolonisierung der Ostküsten des Ionischen und Adriatischen Meeres einen vielschichtigen Prozess dargestellt haben muss, in dem neben den großen Kolonien weitere kleine Siedlungen zur Festigung der kolonialen Strukturen einbezogen waren.

Geophysikalische Messungen in Apollonia belegen für die Unterstadt aus klassischer Zeit eine ungewöhnlich großzügige Gliederung mit Insulae von 59 x 153,5 m; sie kontrastierten mit den engen Gassen und Insulae der Oberstadt aus archaischer Zeit, die sich auch in Babunjë wiederfinden. In hellenistischer Zeit wurde in Apollonia ein neues öffentliches Zentrum abseits der älteren Agora eingerichtet, das sich in mehrere künstliche Terrassen am Fuße der Akropolis gliederte. Nachgrabungen an einer Stoa und die Untersuchung einer sog. Amphorenmauer konnte diese Ausbauphase in das 3. Jh. v. Chr. datieren.

Das Theater von Apollonia

In dieser Zeit, im mittleren 3. Jh. v. Chr., errichtete man im Zentrum der Stadt eines der größten Theater im nordwestgriechischen Raum. Wie ein Scharnier passt das Gebäude in das Straßensystem zwischen Ober- und Unterstadt: Mit der Theaterachse wurde auf die Oberstadt Bezug genommen, die Breite der porticus post scaenam fügte sich in zwei benachbarte Straßenzüge der Unterstadt ein. Das Theater nahm eine natürliche Mulde an den Westabhängen der Stadt ein, die umfänglich durch Erdarbeiten verändert wurde, um einen regelmäßigen Zuschauerraum zu erhalten. Ältere Wohnbauten hatten dem neuen öffentlichen Bau zu weichen. Ferner wurde ein Drainagesystem eingerichtet, da Quell- und Oberflächenwasser eine Gefahr für die Stabilität des Gebäudes darstellten.

Die Bauphasen

Die zwischen 2006 und 2016 durchgeführten Grabungen haben sechs Bauphasen festgestellt. Der Phase 1 wird die Errichtung des Koilon mit einem Umfang von 120 m zugewiesen. Hauptsächlich aus den Raubgräben lässt sich der Grundriss des Bühnengebäudes rekonstruieren. Östlich war das Proskenion vorgesetzt. In Phase 2 wurde dem Bühnenhaus eine porticus post scaenam angefügt (Abb. 5). Ihre Breite von 77 m ging weit über die Breite der Skene hinaus. Dieser Hallenbau dürfte zusammen mit dem gewaltigen Zuschauerraum eine außerordentliche Wirkung auf Betrachter gehabt haben, die sich der Stadt von Westen her näherten. Das Theater war Teil einer spätestens in hellenistischer Zeit ausgebauten Stadtansicht.

In römischer Zeit sah das Gebäude zwei grundlegende Transformationen, die Gladiatorenwettkämpfe ermöglichten. In Phase 3 errichtete man eine hohe Balustrade zwischen Koilon und Orchestra, in Bauphase 4 wurde die Skene zugunsten einer größeren Arena abgetragen. Erdkeller und Eintiefungen sind Zeugen von temporären Installationen für diese Wettkämpfe. Nachdem in Phase 5 und 6 anstelle der Skene ein Ziegelbau errichtet und nochmals verändert wurde, ging die Theater-Arena von Apollonia offensichtlich als Folge eines Erdbebens im mittleren 3. Jh. n. Chr. zugrunde.

Literatur

A. Angelinoudi – J. Bäuerlein, Das Theater von Apollonia (Albanien). Ein Vorbericht, Römische Mitteilungen 114, 2008, 17–29.

M. Buess – M. Heinzelmann – St. Steidle, Geophysikalische Prospektionen in der südlichen Unterstadt von Apollonia (Albanien), Römische Mitteilungen 116, 2010, 205–211.

B. Lahi – M. Fiedler, Ausgrabungen im Zentrum von Apollonia (Albanien). Vorläufige Ergebnisse zu der sog. Amphorenmauer und ihrer Umgebung, Römische Mitteilungen 116, 2010, 213–255.

M. Fiedler – St. Franz – Sh. Gjongecaj – H. von Hesberg – V. Hinz – B. Lahi – Sz.-P. Pánczél – F. Quantin – E. Shehi – B. Shkodra-Rrugia, Neue Forschungen zum hellenistisch-römischen Theater von Apollonia (Albanien), Römische Mitteilungen 117, 2011, 55–200.

M. Fiedler – H. von Hesberg, Apollonia (Albanien) in der Zeit des Hellenismus: Eine Stadt zwischen italischem Westen und griechischem Osten, Athenische Mitteilungen 127/128, 2012/2013, 213–258.

B. Lahi – H. von Hesberg, Apollonia, the Theatre, in: I. Gjipali – L. Përzhita – B. Muka (Hrsg.), Recent Archaeological Discoveries in Albania (Tirana 2013) 84–87.

H. von Hesberg, Nuove indagini intorno al teatro di Apollonia, in: G. Tagliamonte (Hrsg.), Ricerche archeologiche in Albania: atti dell’Incontro di studi, Cavallino-Lecce, 29–30 aprile 2011 (Rom 2014) 201–217.

St. Franz – V. Hinz, Das Theater von Apollonia (Illyrien/Albanien). Neue Forschungen zum hellenistischen Koilon und seinem römischen Umbau, Bericht über die 47. Tagung für Ausgrabungswissenschaft und Bauforschung: 16.–20. Mai 2012 in Trier (Stuttgart 2014) 93–100.

M. Fiedler – H. von Hesberg, Mauerbauinschriften der Apolloniaten aus Leukas, Archäologischer Anzeiger 2014/2, 59–74.

H. von Hesberg, Ein Amazonenfries aus Apollonia, in: D. Graen – M. Rind – H. Wabersich (Hrsg.), Otium cum dignitate – Festschrift für Angelika Geyer zum 65. Geburtstag: Studien zur Archäologie und Rezeptionsgeschichte der Antike, BAR international 2605 (Oxford 2014) 13–22.

M. Fiedler, Aspekte der städtebaulichen Entwicklung Apollonias. Die deutsch-albanischen Forschungen 2006–2013, in: L. Përzhita u. a. (Hrsg.), Proceedings of the International Congress of Albanian Archaeological Studies. 65th Anniversary of Albanian Archaeology, Tirana 21.–22. November 2013 (Tirana 2014) 253–265.

St. Franz – V. Hinz, The Architecture of the Greek Theatre of Apollonia in Illyria (Albania) and its Transformation in Roman Times, in: R. Frederiksen – E. R. Gebhard – A. Sokolicek (Hrsg.), The Architecture of the Ancient Greek Theatre: Acts of an International Conference at the Danish Institute at Athens 27.–30. January 2012 (Athen 2015) 335–349.

M. Fiedler – G. Döhner – Sz.-P. Pánczél, Ancient Settlement Structures between Apollonia and Durres: Results of a Survey Project at Babunjë (District Lushnje, Albania), in: L’Illyrie méridionale et l’Épire dans l’Antiquité. Actes du VIe colloque international en Musée National de Tirana 2015 (im Druck, 2017).

Weitere Informationen

Zum Projekt

www.dainst.org/projekt/-/project-display/32986

Projektleitung

Prof. Dr. Henner von Hesberg
Universität zu Köln
Archäologisches Institut
Albertus-Magnus-Platz
50923 Köln
E-Mail

Prof. Dr. Bashkim Lahi
Qendra e Studimeve Albanologjike
Instituti Arkeologjik
Sheshi Nene Tereza
Tirane
E-Mail

Mitarbeiter

Manuel Fiedler (Grabungsleitung), Stefan Franz, Valentina Hinz (Bauforschung), Eduard Shehi, Brikena Shkodra-Rrugia, Klodian Velo, Gregor Döhner, Szilamér Pánczél (Grabungsmitarbeit und Fundbearbeitung).